Tach, Kundschaft! – Teil 4: AWACS
Bevor ich mit meinem eigentlichen Gejammer beginne, möchte ich doch nochmals darauf hinweisen, dass ich mir den ganzen Quatsch hier nicht ausdenke. So seltsam das auch klingen mag – es passiert mir tatsächlich. Wirklich. Ehrlich. Kein Sch….
Hände und Füße
Es ist 10.01h. Ein Mann betritt den Laden. Er hält direkt auf die Zubehörvitrine zu und würdigt mich keines Blickes. Als er sich die Nase an der Vitrine plattdrückt, frage ich, ob ich ihm helfen können. Er reagiert nicht. Ich gehe um die Theke herum, während er versucht, die Tür des Glasschranks zu öffnen. Ich tippe ihm auf die Schulter und er gibt im Umdrehen seltsame Laute von sich.
Jetzt fällt es mir wie Schuppen von den Augen: der Mann ist taubstumm. Das folgende »Gespräch« muss für einen Außenstehenden wie der Tanz zweier Bewegungslegastheniker ausgesehen haben – und nach ca. 15 Minuten finde ich heraus, dass der Mann von den Lippen lesen kann. Allerdings nur Französisch… Ich geh’ kaputt.
Nur Ankauf…
So gegen 11 betritt ein junger Bursche den Laden: »Ihr kauft Notebooks nur an, das ist doch richtig?«
Mir fällt alles aus dem Gesicht und ich bin sprachlos – schon wieder. »Klar. Wir haben extra nen Laden angemietet, weil wir Notebooks kaufen wollen und für Ebay zu blöd sind. Und die Preise, die an den Notebooks im Schaufenster stehen, sind die Preise, die wir für dieses Modell zu zahlen bereit sind, DU VOLLIDIOT!«, wollte ich sagen. Da es aber noch früh am Tag ist, kann ich mich noch beherrschen…
Notebookvertrag?
Viertel nach Zwölf. Ein junges Mädel mit den typischen, durchfallbraunen Stiefeln, in denen Bochumerinnen offensichtlich geboren kommt durch die Eingangstür gestöckelt.
Sie: »Ich hab’ da mal Frage… … … Notebookvertrag.«
Ich: »Das ist keine Frage. Das ist nichtmal ein vollständiger Satz1.«
Sie starrt mich völlig irritiert an. Also sage ich: »Der einzige Vertrag, den man hier abschließen kann, das ist ein Kaufvertrag.«
Sie: »Wassn Kauffatrahk?«
Ich: »Ich geb’ Dir ein Notebook und eine Rechnung und Du gibst mir Geld.«
Sie: »Oh.« Dreht sich um und geht.
Telefon. Service? Geld? Humbug!
Halb zwei. Das Telefon klingelt. Chef geht ans Telefon.
Anrufer: »Hallo. Ich habe hier ein Problem mit meinem Notebook. Können Sie mir da mal kurz helfen?«
Chef: »Haben Sie das Notebook bei uns gekauft?«
Anrufer: »Nein. Das habe ich beim [insert_Discounter_here] gekauft.«
Chef: »Dann können wir Ihnen am Telefon auch nicht helfen. Sie können gerne mit dem Notebook in unseren Laden kommen und dann helfen wir Ihnen und rechnen das dann nach Zeit ab. Eine Minute kostet einen Euro.«
Anrufer: »Das ist ja ne Unverschämtheit!« Legt auf.
Die generelle Funktion
So gegen 16h rauscht eine Omi in den Laden und verlangt von mir, ich solle ihr doch mal die generelle Funktionsweise von Computern erklären. Ich bitte sie, doch schon mal Platz zu nehmen und für die folgende sechstägige Schulung die Anzahlung bar auf den Tisch zu legen. Keine Ahnung, warum die direkt wieder gegangen ist…?!?!
Laserverstrahlung
17.30h. Ich bin der Meinung, ich habe es fast geschafft. Was jetzt kommt, ist aber das dicke Ende. Im wahrsten Sinne des Wortes – denn ein kleiner, dicker Mann taucht wie aus dem Nichts laut schnaufend vor der Theke auf. Kritisch beäugt er ein 14-Zoll-Notebook von IBM und stellt fest, dass er das Ding nicht in der Jackentasche mit sich herumtragen könnte…
Er: »Ich muss das immer mitnehmen. Ich muss nämlich ständig ins Krankenhaus. Ich hab nen Bauchinfarkt. Der ist absolut tödlich, wenn man da nicht schnell genug ist. Kennse das? Da verstopft da so ne Arterie und da kriegt man zuerst immer so ein Stechen. Wie tausend Nadeln. Da so in der Falte. Wie heißt das noch? Da. Im Schritt. Im Gemächt…«
Ich:2 »Sorry. Aber ich bin kein Arzt und war noch nie krank. Ich kenne mich da nicht aus.«
Er:3 »Dann will ich Ihnen mal was erzählen, was sicher auch für Sie interessant ist. Also ich bin ja eigentlich ein original gelernter KFZ-Mechaniker. Das sind ja quasi vier Berufe in einem. Also da macht man auch viel mit Elektronik, wenn man das technische Verständnis hat. Ich hab ja dann später… Also ich hatte ja viele Berufe. Auch gefährliche. Ich war auch Geheimagent4. Und deswegen weiß ich auch viele Dinge, von denen sonst keiner was weiß. Zum Beispiel über das organisierte Verbrechen. Und über die Elektronik. Und deshalb ist das ja auch was für Sie. Also in Deutschland, da ist das organisierte Verbrechen… Also die haben AWACS-Flugzeuge und damit fliegen die über die Bundesrepublik. Und die haben ja technische Möglichkeiten, die hat ja sonst keiner. Also zum Beispiel den akustischen Störlaser. Damit schießen die von oben in die Wohnungen und verursachen akustische Rückkopplungen in den Fernsehern und in der Stereoanlage. Und je nachdem, wie laut Sie das gestellt haben, kann Sie das schon mal vom Stuhl hauen. Ich hab das aufgenommen und hab das jetzt auf CD. Da dachte ich, die könnte ich Ihnen bei Gelegenheit mal vorbeibringen, da können Sie…«
Ich: »Sorry. Aber an solchen Gesprächen habe ich ehrlich gesagt nicht das geringste Interesse und Zeit habe ich dafür beim besten Willen nicht. Es wäre schön, wenn Sie jetzt den Laden verlassen könnten…«
Und der Typ geht tatsächlich. Und ich gehe auch. Vor die Tür. Eine Rauchen. Danach rufe ich meinen Chef an.
Ich: »Ich kündige.«
Chef: »Schon wieder? Ist schon wieder Freitagabend? Hör mal, wenn Du kündigen willst, musst Du vorher gearbeitet haben. Außerdem habe ich deinen Kündigungsblock versteckt. Schönes Wochenende. Bis Montag…«
- Beherrschung, adé! [↩]
- Ich bin total überfordert. Ich will mit dem Typen nicht über sein Gemächt sprechen. Ich will mit überhaupt keinem Typen über sein Gemächt sprechen. [↩]
- nimmt erstmal Platz an der Theke und ich kriege Panik. Während des jetzt folgenden Gesprächsabschnitts übermannt mich die pure Verzweiflung. [↩]
- Denkt bitte daran: Ich denke mir das NICHT aus! [↩]
Nur gucken – nicht anfassen.
Es begab sich zu einer Zeit Gestern Mittag. High noon in einer verschlafenen Stadt im mittleren Ruhrgebiet. Ein kleiner Junge zerrt seinen Vater in den Laden.»Schau mal! Das Notebook hier! Das ist aber Kacke!«
Ich sage mal nichts. Vater sagt auch nichts. Er schaut nur. Dann fängt er an, an dem Notebook herumzufingern. Soll er auch. Anfassen ist ja erlaubt. Wir haben nichts zu verbergen.
Ich entschließe mich, ihn zu fragen, ob ich helfen kann. Wie vom Pinguin gebissen packt er seinen Sohn am Kragen und zieht ihn aus dem Laden. Und das, ohne mich anzusehen, oder ein Wort zu sagen. »Komischer Typ«, denke ich und vergesse ihn auch schnell wieder.
Zigarettenpause
Als ich ein paar Minuten später vor die Tür gehe, um eine zu rauchen fällt mein Blick auf das Ausstellungsstück: Abgeschmiert. Nichts geht mehr. Nee. Is klar.
Zumindest weiß ich jetzt, warum der Typ es so eilig hatte. Wer’s kaputt macht, muss es kaufen, wenn er langsamer rennt als der Mensch im Laden…
Falsch verstanden
Manchmal verstehe ich was falsch. Kunden verstehe ich irgendwie besonders häufig falsch. Den Sinn und Zweck eines Unternehmens habe ich offensichtlich trotz kaufmännischer Ausbildung völlig falsch verstanden. Auch den Unterschied zwischen Betriebssystemen und Anwendungen habe ich nicht wirklich kapiert. Vermute ich jetzt mal. Sicher bin ich mir natürlich nicht. Schließlich verkaufe ich erst seit zehn Jahren Computer und auch beschäftige ich mich erst seit zehn Jahren mit der Webentwicklung und solchem Kram. Ich bin also faktisch ein ahnungsloser Newbie…
Schön wenn mal Profis vorbeischauen…
Weil ich so unerfahren und ahnungslos bin, freue ich mich immer, wenn mich im Laden mal so ein paar richtige Profis besuchen und oder anrufen.
Das sind Menschen, die in ein EDV-Fachgeschäft gehen, um den Angestellten dort mal die Grenzen ihrer Kompetenz aufzuzeigen. Diese Menschen verfügen über einen unerschöpflichen Wissensvorrat, den sie jederzeit gerne mit jedermann teilen. Und ich nehme dankbar an. Ich will ja lernen. Ich will ja auch mal so klug werden. Und weil ich nunmal ein netter Kerl bin, dürft Ihr jetzt auch an dem Wissen der Welt teilhaben.
WWW – Wirklich Wichtiges Wissen
Zuerst ein paar Weisheiten aus dem Hardwarebereich:
- Der EEE-PC ist mit 300 Euro ca. 150 Euro zu teuer. Sowas gibt’s viel billiger.
- Notebooks mit Displays unter 19 Zoll Diagonale kauft heute niemand mehr.
- Für das Surfen im Internet und für Office-Anwendungen benötigt man 4GB RAM und mindestens 1 TB Festplattenplatz.
- Nagelneue Business-Notebooks kosten generell weniger als 300 Euro und meist bekommt man einen Kleinwagen gratis dazu.
- Die Garantie auf Akkus beträgt 600 Jahre. Auf die restliche Hardware gibt es lebenslange Garantie (das sind im Schnitt ca. 1200 Jahre…)
Nachdem wir über die Hardware jetzt bestens informiert sind, benötigen wir noch passende Software:
- Linux ist eine Windows-Anwendung.
- Für ein 32bit-Betriebssystem muss man zwingend 4GB Arbeitsspeicher haben.
- Microsoft liefert zu seinen Betriebssystemen das Office-Paket kostenlos mit. Dazu kommen Brennprogramme, Virenscanner und vermutlich noch Adobes Photoshop.
- Dieses ganze Softwarebundle kostet bei Ebay aber nur 29 Euroletten.
Prima. Software haben wir. Dann können wir ja jetzt im Internet surfen. Los geht’s!
- Firefox ist der Internet Explorer.
- Safari ist eine afrikanische Webseite über Äpfel.
- Professionell gestaltete Unternehmenswebsites kosten ca. 100 Euro.
- Professionell gestaltete Unternehmenswebsites baut am besten der Neffe des Chefs.
- Profis benutzen zum Erstellen von Websites FrontPage oder Word.
- Printdesigner machen die besten Websites. Google liebt Websites, die nur aus Bildern bestehen.
Wer will da noch widersprechen?
Ich nicht…
Preiskampf auf dem Notebookmarkt
Die Überschrift klingt erstmal so sachlich, wie sie wahr ist. Natürlich wird auf dem Notebookmarkt um die vordersten Plätze im Billigsegment gekämpft – aber was sich so einige unserer Kunden so vorstellen, das kann man einfach nicht mehr glauben.
Infos satt
Aber mal langsam und von vorne angefangen. Wir bieten in unserem wunderbaren kleinen Laden gebrauchte IBM-Notebooks zu lokal sehr konkurrenzfähigen Preisen an. Das günstigste Teil kostet schlappe 269 Kracher. Diese Preisinformation müsste im Zusammenspiel mit dem A2-Plakat1 im Aufsteller vor der Tür, auf dem in großen roten Lettern die Worte »Gebrauchte Markennotebooks« prangen, eigentlich jedem potentiellen Kunden ein ausreichender Hinweis darauf sein, was ihn im Laden erwartet.
Enttäuschte Gesichter
Woher, so frage ich mich, kommen denn jetzt bloß all die Menschen, die mich jeden Tag fragen, warum die Notebooks bei uns so günstig sind und die dann völlig vor den Kopf gestoßen mit hängenden Schultern wieder den Laden verlassen, wenn sie erfahren, dass das Gebrauchtgeräte sind2.
Wie kann man als Mensch mit mindestens zweistelligem IQ denn bloß annehmen, man bekäme für 269 Peitschen ein neues IBM-Notebook mit 14-Zoll-Display?? Man weiß es nicht und wird es niemals erfahren3.
Enttäuschte Gesichter – Teil II
Eine andere Spezies der Gattung Brainbug, sind die Herrschaften, die bei dem Wort »Gebrauchtgerät« nicht gleich das Heulen anfangen. Diese Spezies gibt sich erst später enttäuscht – nämlich dann, wenn es um die Hardwareausstattung der Geräte geht: Nein, ein gebrauchtes Notebook für unter 300 Euroletten hat sicher keinen Core-2-Duo-Prozessor, keine 4 Gigabyte Arbeitsspeicher, keine 320er Platte und noch weniger hat es eine auf 16 Jahre erweiterte Garantie. No way. Never.
Enttäuschte Gesichter – Teil III
Last but not least haben wir da dann noch die Preishaie. Die lassen sich weder von der Not-really-state-of-the-art-Ausstattung, noch von der Gebrauchtgeräte-Sache beeindrucken. Nein. Diese Typen fangen erst das Jammern an, wenn man auf den sowieso schon reduzierten Preis nicht auch noch mindestens 50 Prozent Rabatt gibt…
Und die Moral von der Geschicht…
… Keine Ahnung. Weiß ich nicht4.
Oder doch? Wie wär’s mit: Benutzt Euren verfluchten Schädel, Ihr Vollpfosten!
- A2 ist schon ordentlich groß, wie ich finde [↩]
- Vielleicht sind das die Menschen, die den riesigen Aufsteller regelmäßig anrempeln, weil sie ihn schlicht übersehen. Das Ding ist doch bloß – ach vergiss es… [↩]
- Falls da jemand eine Idee hat: Rein damit in die Comments. Ich bin sehr gespannt [↩]
- Das reimt sich übrigens. [↩]




